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(Bild: HTW Chur)

Wirtschaftspolitischen Debatten zur Standortattraktivität fehlt vielfach der wissenschaftliche Nachweis

21. Oktober 2013 | 09:27 Autor: HTW Vorarlberg, Schweiz

Chur (CH) Zahlreiche aktuelle wirtschaftspolitische Vorstösse und Initiativen sollen sich entweder positiv oder negativ auf die Attraktivität der Schweiz als Standort für Unternehmenshauptsitze auswirken. Welche Faktoren dabei für Unternehmen eine Rolle spielen, wurde und wird wissenschaftlich erforscht. Zu zahlreichen aktuellen wirtschaftspolitischen Dossiers liegen bisher jedoch noch keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Ob Unternehmenssteuerreform, "Abzocker-Initiative", "1:12-Initiative", "Ecopop-Initiative", "Erbschaftssteuer-Initiative" oder die Änderung des Korruptionsstrafrechts. Die Liste der aktuellen wirtschaftspolitischen Dossiers, die Einfluss auf die Attraktivität der Schweiz als Standort für Hauptsitze haben, ist lang. Die politische Diskussion darüber, wie sich die verschiedenen Initiativen und Vorstösse auf die Wettbewerbsposition der Schweiz im internationalen Wettbewerb um Hauptsitze auswirken, wird intensiv und teilweise hochemotional geführt.

Aufgrund der besonderen Bedeutung des Themas für die Schweizer Wirtschaft hat ein Team um Professor Christian Hauser vom Schweizerischen Institut für Entrepreneurship der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur in einer Metastudie ausgewertet, welche Faktoren die Verlagerung von Hauptsitzen massgeblich beeinflussen. Die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass bislang vor allem der Einfluss von unternehmensbezogenen Faktoren wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Weitere wichtige Einflussgrössen sind standortspezifische Faktoren. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass der Einfluss zahlreicher aktueller wirtschaftspolitischer Dossiers auf die Standortattraktivität noch nicht wissenschaftlich belegt werden konnte. „Ungeachtet dieser Tatsache werden in der politischen Auseinandersetzung vielfach positive oder negative Auswirkungen der verschiedenen Vorstösse und Initiativen angenommen. Für eine sachorientierte Debatte darüber, welche Auswirkungen sie auf die Attraktivität der Schweiz als Standort für Hauptsitze tatsächlich haben, sind jedoch weitergehende Untersuchungen dringend notwendig“, betont Hauser.

Der Wirtschaftsexperte und sein Forscherteam konnten durch die Auswertung unterschiedlicher Studien zahlreiche Faktoren herausarbeiten, die Unternehmen dazu veranlassen, ihren Hauptsitz ins Ausland zu verlagern. Zum einen beeinflusst die Eigentümerstruktur eines Unternehmens dessen Neigung, seinen Hauptsitz ins Ausland zu verlegen. So steigt die Wahrscheinlichkeit der Verlagerung mit dem Anteil ausländischer Aktionäre oder wenn das Unternehmen an einer ausländischen Börse kotiert ist. Zum anderen wirken sich verschiedene Masse der Auslandsorientierung eines Unternehmens auf das Bestreben aus, den Hauptsitz ins Ausland zu verlegen. So wird ein Hauptsitz tendenziell eher verlagert, je höher der Anteil der Auslandsumsätze an den Gesamtumsätzen ist sowie je höher der Anteil der Mitarbeitenden einer Division im Ausland ist.

Unter den standortspezifischen Rahmenbedingungen, die einen Einfluss auf die Abwanderung oder Ansiedlung von Hauptsitzen haben, kommen dem verfügbaren Humankapital, dem steuerlichen Umfeld und der geografischen Lage besondere Bedeutung zu. So korreliert die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen ihren Hauptsitz von einem Standort weg verlegen, mit der absoluten Höhe der Unternehmenssteuern sowie der relativen Höhe der Steuern auf repatriierte ausländische Unternehmensgewinne im Vergleich zu anderen potentiellen Standorten. Ferner beeinflusst die Verfügbarkeit von qualifizierten Mitarbeitern die Ansiedlung von Hauptsitzen nachweislich positiv. So bevorzugen Firmen Standorte, in denen ein hoher Anteil der Beschäftigten im Bereich Unternehmens- und Finanzdienstleistungen sowie in der jeweiligen Branche des Unternehmens arbeitet. Dies führt auch dazu, dass Hauptsitze tendenziell eher in die Nähe anderer Hauptsitze verlagert werden. Auch die geographische Lage eines Standorts spielt bei der Standortwahl eine bedeutende Rolle. So hat die zentrale Lage innerhalb eines Wirtschaftsraumes einen positiven Einfluss. Darüber hinaus ist auch entscheidend, wie gut die weltweite Erreichbarkeit des Standorts z.B. durch interkontinentale Flüge ist.

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